Wenn Erfolg sich nicht wie Erfolg anfühlt
Als Jonas seinen ersten Job nach dem Studium antritt, fühlt er sich nicht besonders sicher. Aber das ist für ihn zunächst auch keine große Überraschung. Zum einen ist Unsicherheit sowieso sein ständiger Begleiter, zum anderen ist er neu, kennt die Abläufe noch nicht und hat vieles noch nie gemacht.
Wenn er erst einmal ein bisschen Erfahrung gesammelt hat, so hofft er, wird es bestimmt besser. Und wenn er die nächste Fortbildung abgeschlossen hat, wenn er die ersten Projekte gemeistert hat und irgendwann wirklich weiß, was er da tut, dann wird diese Unsicherheit doch bestimmt nachlassen.
Die Jahre vergehen. Jonas übernimmt mehr Verantwortung, bekommt anspruchsvollere Aufgaben und wird schließlich zum Teamleiter befördert. Seine Mitarbeiter scheinen zufrieden mit ihm zu sein, seine Vorgesetzten vertrauen ihm wichtige Aufgaben an und wenn es um schwierige Projekte geht, wird er regelmäßig gefragt, ob er sie übernehmen kann.
Eigentlich müsste es inzwischen genügend Gründe geben, sich sicherer zu fühlen.
Aber Jonas wartet immer noch darauf.
Aus seiner Sicht fehlt ihm einfach noch die Erfahrung, die man als Führungskraft braucht. Vielleicht müsste er noch souveräner in schwierigen Gesprächen werden. Außerdem gibt es Dinge, die andere längst können und die er erst noch lernen muss.
Und vielleicht – hoffentlich! – kommt dieser Moment irgendwann tatsächlich noch: der Moment, in dem er morgens in sein Büro kommt und einfach weiß: Ich kann das. Ich bin gut genug für diesen Job.
Sie haben doch längst Erfahrungen gesammelt
Geht es Ihnen auch so?
Vermutlich nicht genau so wie Jonas. Aber eventuell kennen auch Sie dieses Warten auf einen Tag in unbestimmter Zukunft, an dem es sich endlich einmal anders anfühlt.
Das Paradoxe ist: Ihnen fehlt es nicht an Erfahrungen, die Ihnen eigentlich zeigen könnten, dass Sie mit Herausforderungen umgehen können.
Sie haben schwierige Gespräche geführt, Entscheidungen getroffen, Probleme gelöst und Situationen gemeistert, in denen Sie vorher nicht wussten, wie es ausgehen würde.
Sie haben Verantwortung übernommen und Dinge geschafft, die Ihnen am Anfang Ihrer Karriere wahrscheinlich noch ziemlich groß erschienen wären.
Und vermutlich registrieren Sie auch, dass andere Menschen mit dem, was Sie tun, zufrieden zu sein scheinen: Ihre Vorgesetzten geben Ihnen weiterhin Verantwortung, Kollegen kommen mit Fragen zu Ihnen und vielleicht werden Sie sogar für Ihre Arbeit gelobt.
Nur führt das alles nicht zu der naheliegenden Schlussfolgerung: „Ich bin kompetent.“
Wahrscheinlich denken Sie eher: „So schwierig war das jetzt auch nicht.“ „Das gehört schließlich zu meinem Job.“
Oder Sie fragen sich, ob die anderen wirklich so zufrieden sind, wie es den Anschein hat. Denn selbst wenn jemand Ihnen ausdrücklich sagt, dass Sie etwas gut gemacht haben, muss das noch lange nicht bedeuten, dass das auch stimmt.
Die Erfahrung ist also da. Aber sie kommt nicht unbedingt dort an, wo sie etwas an Ihrem Selbstbild verändern könnte.
Warum Erfahrung uns nicht sicherer macht
Eigentlich wäre es logisch: Ich mache etwas gut, erlebe, dass ich eine Herausforderung bewältigen kann, und gewinne dadurch Vertrauen in meine Fähigkeiten.
Wenn das immer so funktionieren würde, müsste Selbstsicherheit mit jedem erfolgreichen Jahr ein bisschen größer werden.
Aber Erfahrungen werden nicht einfach neutral abgespeichert. Wir betrachten sie durch die Brille dessen, was wir bereits über uns glauben.
Wenn tief in Ihnen die Überzeugung steckt, dass Sie vielleicht doch nicht kompetent genug sind, dass andere mehr können als Sie oder dass irgendwann auffliegen könnte, dass Sie der Verantwortung nicht gewachsen sind, dann reicht ein Erfolg oft nicht aus, um diese Überzeugung zu verändern.
Beim Impostor-Syndrom kann diese Überzeugung so stark sein, dass die eigene Wahrnehmung die Realität regelrecht zurechtrückt.
Was eigentlich ein Beweis für die eigene Kompetenz sein könnte, wird dann so erklärt, dass es weiterhin zum inneren Bild passt: Der Erfolg war Glück, die Beförderung hatte andere Gründe, die Anerkennung ist vielleicht nur nett gemeint.
Statt dass wir aufgrund der positiven Erfahrungen unsere Grundüberzeugung in Frage stellen, deuten wir das Erlebte lieber so um, dass es zu unserer Grundüberzeugung wieder passt.
Und dabei können wir ganz schön kreativ werden.
- Die Präsentation ist gut gelaufen? Sie waren eben besonders gut vorbereitet. Andere hätten vermutlich deutlich weniger Zeit dafür gebraucht.
- Das Projekt war erfolgreich? Die Rahmenbedingungen waren günstig. Und ohne die Unterstützung von anderen wäre das ganz anders gelaufen.
- Sie haben eine schwierige Situation souverän gelöst? Glück gehabt! Außerdem … so souverän war das ja auch nicht.
Wir finden immer Erklärungen, die logisch klingen: „Ich wurde befördert, weil ich sympathisch bin.“
Oder: „Die halten mich für kompetent, weil ich diese Position habe. Wenn die wüssten, wie unsicher ich mich manchmal fühle …“
All diese Erklärungen können eine Rolle spielen, daher wirken sie ja auch so überzeugend: Wir hatten vermutlich Glück, wir hatten Unterstützung und wir werden allgemein für sympathisch gehalten.
Aber dass zu diesem Erfolg auch Kompetenz und Leistung dazugehört haben – das wird völlig ausgeblendet.
Erfolge werden kleiner, Fehler werden größer
Vielleicht kennen Sie dieses Muster auch aus Ihrem eigenen Alltag:
Wenn etwas gut läuft, ist es schnell abgehakt. Es gehört schließlich zu Ihrem Job. Dafür werden Sie ja bezahlt. Andere können das doch auch.
Wenn etwas dagegen nicht funktioniert, beschäftigt es Sie noch lange.
Dann gehen Sie das Gespräch im Kopf noch einmal durch und überlegen, was Sie hätten anders machen können.
Eine falsche Entscheidung ist dann nicht einfach eine Entscheidung, die sich im Nachhinein als falsch herausgestellt hat. Sie kann plötzlich an Ihrem kompletten Selbstbild rütteln: „Vielleicht bin ich dieser Aufgabe doch nicht gewachsen.“
So entsteht ein ziemlich ungünstiges Ungleichgewicht: Das, was für Ihre Kompetenz sprechen könnte, wird kleingeredet oder als selbstverständlich betrachtet. Das, was dagegen sprechen könnte, bekommt sehr viel Gewicht.
Plötzlich befinden Sie sich mitten in einer Widersprüchlichkeit: Von außen bekommen Sie die Rückmeldung, dass Sie Ihre Sache offenbar gut machen. Innen aber fühlen Sie sich gar nicht so gut und zweifeln an Ihrer Kompetenz.
Gerade diese Diskrepanz kann beim Impostor-Syndrom so belastend sein. Denn wenn Sie die positive Rückmeldung von außen nicht wirklich als Beweis für Ihre Fähigkeiten annehmen können, bleibt irgendwann nur eine Erklärung: „Ich spiele den anderen nur etwas vor und wirke dabei sehr überzeugend. Die glauben, ich könnte das, aber in Wirklichkeit kann ich es gar nicht.“
Und genau dieses Gefühl, anderen etwas vorzumachen und irgendwann entlarvt zu werden, gehört zum Kern des Impostor-Syndroms.
Und dann kommt noch der Erwartungsdruck dazu
Gerade wenn Sie schon länger im Beruf sind oder inzwischen eine Führungsposition innehaben, wird die Sache noch schwieriger.
Am Anfang konnten Sie sich Ihre Unsicherheit noch erklären: „Ich bin eben noch neu.“ Aber irgendwann können Sie das nicht mehr sagen.
Sie haben Erfahrung. Sie haben Verantwortung. Andere verlassen sich auf Sie. Und damit verändert sich auch Ihr innerer Anspruch: „Das sollte ich in meiner Position längst können.“
Was früher ein Erfolg gewesen wäre, wird zur Selbstverständlichkeit.
- Sie haben ein schwieriges Gespräch gut geführt? Das gehört doch zu Ihrem Job.
- Sie treffen eine gute Entscheidung? Das ist ja wohl das Mindeste, was man in Ihrer Position erwarten kann.
- Sie bekommen positives Feedback? Schön – aber eigentlich war das ja nichts Besonderes.
Gleichzeitig steigt der Druck. Denn inzwischen glauben andere Menschen an Sie und Ihre Fähigkeiten.
Ihre Mitarbeiter erwarten Orientierung, Ihre Vorgesetzten erwarten Entscheidungen und jüngere Kollegen sehen Sie als Vorbild an.
All das erhöht den inneren Druck und die Versagensängste immer weiter: „Die glauben, dass ich das kann. Die verlassen sich auf mich. Ich darf sie auf keinen Fall enttäuschen.“
Dann wird aus einem einzelnen Fehler schnell mehr als nur ein Fehler.
Wenn etwas nicht funktioniert, geht es nicht mehr nur um die Frage, was Sie beim nächsten Mal anders machen können. Plötzlich steht Ihre ganze Eignung auf dem Prüfstand.
Ein Erfolg ist selbstverständlich. Ein Fehler wird zum Beweis.
Und genau deshalb kann es passieren, dass Sie mit zunehmender Erfahrung nicht automatisch sicherer werden. Sie werden erfahrener, aber gleichzeitig steigen die Erwartungen, die Sie an sich selbst stellen. Sie haben mehr zu verlieren, mehr Menschen, die auf Sie vertrauen, und vielleicht auch mehr Angst davor, dieses Vertrauen nicht zu rechtfertigen.
Es muss nicht so bleiben
Wenn Sie sich hier wiedererkennen, bedeutet das nicht, dass mit Ihnen etwas nicht stimmt.
Ihnen fehlt nicht noch mehr Erfahrung. Sie brauchen auch nicht noch eine Fortbildung, noch mehr Wissen oder den nächsten Karriereschritt, damit Sie sich endlich kompetent genug fühlen.
Sie haben längst sehr viel mehr Erfahrungen gesammelt, die für Ihre Fähigkeiten sprechen, als Sie innerlich gelten lassen.
Was sich verändern kann, ist der Blick auf diese Erfahrungen – und auf Sie selbst.
Denn hinter dem Impostor-Syndrom stehen häufig tiefere Überzeugungen: Ich bin nicht gut genug. Andere können das besser als ich. Irgendwann werden sie merken, dass ich eigentlich gar nicht so kompetent bin, wie sie denken.
Solche Überzeugungen entstehen nicht über Nacht. Und sie verschwinden meist auch nicht einfach dadurch, dass wir noch mehr leisten.
Aber wir können lernen, sie zu hinterfragen. Wir können uns mit den Erfahrungen auseinandersetzen, die bisher nicht zu unserem inneren Bild von uns gepasst haben.
Und wir können Schritt für Schritt ein anderes Verständnis von uns selbst entwickeln: dass wir nicht erst perfekt sein müssen, um kompetent zu sein. Dass Fehler nicht unsere gesamte Eignung infrage stellen. Und dass wir gut sein können, auch wenn wir uns nicht immer sicher fühlen.
Genau darum geht es im nächsten Schritt: nicht darum, sich die eigenen Zweifel einfach auszureden, sondern die Überzeugungen dahinter zu verändern.
Wie das gelingen kann und wie Sie lernen können, sich selbst anders zu sehen, erfahren Sie hier.
Sie sind besser, als Ihr Impostor Ihnen weismachen will!
Höchste Zeit, das zu erkennen. Mein kompaktes Workbook zeigt Ihnen die ersten wichtigen Schritte zu mehr Selbstvertrauen.