Warum Sie sich zurückhalten, obwohl Sie mehr könnten
Eigentlich wollen Sie ja sichtbarer werden. Sie möchten, dass andere erkennen, was Sie können. Endlich einmal im Mittelpunkt stehen und nicht immer übersehen werden.
Doch gleichzeitig tun Sie viel, um genau das zu verhindern.
Sie haben in einer Besprechung eine gute Idee, halten aber lieber den Mund. Kurz darauf spricht jemand anderes genau das aus, was Ihnen selbst durch den Kopf gegangen ist und bekommt dafür Anerkennung.
Oder es ärgert Sie, dass Sie schon seit Jahren beruflich auf der Stelle treten. Andere mit weniger Berufserfahrung werden befördert. Sie könnten ebenfalls eine Führungsposition anstreben und sich für eine interessante Aufgabe empfehlen. Trotzdem halten Sie sich zurück und schauen zu, wie Kollegen an Ihnen vorbeiziehen.
Auch in der Selbständigkeit kann diese Ambivalenz sehr deutlich werden. Sie wissen, dass Sie sichtbarer werden müssten, um neue Kunden zu gewinnen. Sie haben es sich auch fest vorgenommen, auf Social Media präsenter zu sein und sich mit Ihrem Angebot stärker zu zeigen. Doch sobald es darum geht, wirklich mit Ihrer Person nach außen zu gehen, kommen Zweifel.
Sie möchten eigentlich gesehen werden. Und gleichzeitig haben Sie Angst davor, wirklich gesehen zu werden.
Gerade beim Impostor-Syndrom kann dieser Widerspruch besonders stark sein. Wenn Sie tief in sich daran zweifeln, ob Sie wirklich so kompetent sind, wie andere denken, dann kann Sichtbarkeit ganz schön Angst machen.
Denn Sichtbarkeit bedeutet nicht nur Anerkennung. Sobald Sie sich zeigen, können andere sich ein Bild von Ihnen machen. Und Sie können nicht kontrollieren, was anderen an Ihnen auffällt und wie sie Sie bewerten.
Sie möchten gesehen werden. Aber nicht um jeden Preis
Wir alle wünschen uns, gesehen und für das, was wir leisten, Annerkennung zu erhalten. Wir möchten, dass unsere Arbeit wahrgenommen wird, unsere Ideen gehört werden und wir die Bestätigung bekommen, dass wir nicht nur gut, sondern auch wichtig sind.
Aber Sichtbarkeit macht auch verletzlich.
Denn wenn Sie sich zeigen, geben Sie anderen die Möglichkeit, Sie zu beurteilen. Und wenn Sie selbst sehr kritisch mit sich umgehen, dann gehen Sie fast schon automatisch davon aus, dass andere Sie genauso kritisch sehen.
Sie kennen Ihre eigenen Unsicherheiten, Fehler und Schwächen sehr genau. Bei anderen sehen Sie dagegen meistens nur das, was nach außen sichtbar wird: den souveränen Auftritt, die gute Idee oder die überzeugende Präsentation.
Schnell entsteht deshalb der Gedanke:
„Wenn die anderen erst sehen, wie ich wirklich bin, werden sie merken, dass ich gar nicht so gut bin, wie sie denken.“
Und das ist bei Menschen mit Impostor-Syndrom ein echtes Problem.
Je sichtbarer Sie werden, desto größer wird die Angst
Wenn Sie Angst haben, als Hochstapler entlarvt zu werden, ist es vielleicht doch sicherer, unsichtbar zu bleiben.
Denn solange Sie sich nicht zu weit nach vorne wagen, müssen Sie auch nicht beweisen, dass Sie wirklich so kompetent sind, wie andere denken.
Vielleicht fürchten Sie, eine Erwartung zu wecken, die Sie später nicht erfüllen können:
- Was, wenn ich das beim nächsten Versuch nicht noch einmal so gut hinbekomme?
- Was, wenn andere merken, dass ich gar nicht so gut bin, wie ich wirke?
- Was, wenn ich mich überschätzt habe und mich blamiere?
Gerade beim Impostor-Syndrom kann Sichtbarkeit deshalb zusätzlichen Druck erzeugen. Wenn Sie einmal gezeigt haben, was Sie können, entsteht schnell das Gefühl, dass Sie diese Leistung nun immer wieder bringen müssen.
Aus der Erleichterung: „Das hat ja tatsächlich geklappt“ wird dann schnell ein selbstgemachter Erwartungsdruck: „Jetzt muss ich immer beweisen, dass ich es auch wirklich kann.“
Sie bremsen sich aus und ärgern sich über sich selbst
Wenn Sie Angst vor Bewertung oder zu hohen Erwartungen haben, dann halten Sie sich ganz automatisch eher zurück. Sie teilen Ihre Ideen nicht mit anderen, melden sich nicht für die nächste Aufgabe und sprechen nicht darüber, was Sie eigentlich gut können.
Das schützt Sie kurzfristig vor der Angst, nicht zu genügen. Doch es macht das Problem nur größer.
Sie zeigen weniger von dem, was Sie können. Andere nehmen Ihre Fähigkeiten weniger wahr. Vielleicht verpassen Sie eine Chance oder bekommen nicht die Anerkennung, die Sie sich eigentlich wünschen. Und die Sie doch so dringend brauchen, um sich sicherer und fähiger zu fühlen. Die Selbstzweifel werden dadurch nicht besser.
Und dann passiert genau das, was Sie eigentlich vermeiden wollten: Jemand anderes bekommt die Anerkennung – und nicht Sie.
Eine Kollegin spricht im Meeting den Gedanken aus, den Sie ebenfalls hatten, und stößt damit auf allgemeine Zustimmung. Ein anderer übernimmt die Aufgabe, für die Sie sich interessiert hätten, und wird dadurch sichtbar. Jemand anderes zeigt offen seine Expertise und bekommt dafür Anerkennung.
Und Sie ärgern sich über sich selbst:
„Warum habe ich mich wieder nicht getraut?“
Damit steigt der Druck weiter. Denn nun geht es nicht mehr nur darum, dass andere Sie sehen sollen. Sie haben das Gefühl, sich selbst beweisen zu müssen, dass Sie sich beim nächsten Mal endlich trauen. Und fühlen sich noch unzulänglicher als ohnehin schon.
Gerade Frauen kennen zudem häufig die widersprüchliche Erwartung, kompetent und selbstbewusst aufzutreten – aber bitte nicht zu selbstbewusst. Wer nicht zu viel Raum einnehmen möchte, hält sich deshalb vielleicht lieber ein wenig zurück. Und ärgert sich anschließend über sich selbst und die verpasste Chance.
Sichtbarkeit bedeutet nicht, perfekt zu sein
Sie können nicht kontrollieren, wie andere Sie wahrnehmen. Und Sie können auch nicht verhindern, dass jemand Sie einmal kritisch beurteilt.
Aber Sie können lernen, mit dieser Unsicherheit umzugehen: Sie müssen nicht perfekt sein, um sichtbar sein zu dürfen.
Sichtbar zu sein bedeutet nicht, alles zu können. Kompetenz bedeutet nicht, keine Fehler zu machen. Und wenn andere etwas von Ihnen erwarten, bedeutet das nicht, dass Sie jede dieser Erwartungen erfüllen müssen.
Sie dürfen zeigen, was Sie können, ohne gleichzeitig beweisen zu müssen, dass Sie immer und überall gut sind.
Und wenn Sie merken, dass hinter Ihrer Angst vor Sichtbarkeit vor allem die Sorge steckt, nicht gut genug zu sein oder irgendwann als „Betrügerin“ oder „Betrüger“ entlarvt zu werden, lohnt es sich, genau dort anzusetzen.
Je mehr Sie Ihr eigenes Impostor-Erleben verstehen und daran arbeiten, desto leichter kann es werden, sich zu zeigen – auch wenn Sie nicht kontrollieren können, wie andere Sie sehen.
Sie dürfen sichtbar sein, ohne perfekt zu sein. Und Sie dürfen immer mehr erfahren, dass Sie doch viel mehr können als gedacht.
Sie sind besser, als Ihr Impostor Ihnen weismachen will!
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